Release Deutschschweiz: On Stock___Genre: Doku___Code: PAL2___FSK: 16___Bildformat: 4/3
Tonformat: Dolby Digital 5.1 / 2.0___Sprachen: Französisch___Untertitel: Deutsch / English / Italiano / Espanole___Laufzeit: 100 Min.
EAN_DT: 7640118761542___Art.Nr._DT: 1876154
Release Suisse Romande: On Stock___Genre: Docu___Code: PAL2___FSK: 16___Format d'image: 4/3
Audio: Dolby Digital 5.1 / 2.0___Langues: Français___Sous-titres: Allemand / English / Italiano / Espanole___Durée du film: 100 Min.
EAN_FR: 7640118761542___Art.Nr._FR: 1876154
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SYNOPSIS
Der Film LA FORTERESSE handelt vom Alltag eines Empfangszentrums für Asylsuchende und hat die Asyldebatte in der Schweiz bereichert. Seit der Dokumentarfilm am Filmfestival von Locarno 2008 den Goldenen Leoparden gewonnen hat, hat er an internationaler Anerkennung zugelegt. Dazu haben auch die Aktualität des Themas und die sensible Realisierung durch Fernand Melgar beigetragen. LA FORTERESSE wurde zu zahlreichen Festivals eingeladen und hat weltweit mehrere Preise gewonnen. Mit 45'000 BesucherInnen war er auch in Schweizer Kinos sehr erfolgreich.
Frauen, Männer und Kinder aus Togo, aus Georgien, aus Kosovo oder aus Kolumbien strömen jede Woche in die Schweiz. Sie flüchten vor dem Krieg, der Diktatur, vor der Verfolgung oder vor klima- und wirtschaftlich bedingten Katastrophen. Nach einer meist lebensgefährlichen Reise landen sie in einem der fünf Empfangs- und Verfahrenszentren, zu denen auch das Zentrum in Vallorbe im Kanton Waadt zählt. An diesem nüchternen Übergangsort warten die Asylsuchenden quasi in Halbgefangenschaft und zum Nichtstun gezwungen darauf, dass der Bund über ihr Schicksal entscheidet. Sie werden von Männern und Frauen, ebenfalls mit unterschiedlicher Herkunft, in Empfang genommen und während ihres Aufenthalts betreut. Den Angestellten obliegt die schwere Aufgabe, eines der restriktivsten Asylgesetze von ganz Europa, das im September 2006 in einer Volksabstimmung angenommen worden ist, umzusetzen und allein auf der Basis von zwei Anhörungen zu entscheiden, ob ein Asylantrag gerechtfertigt ist oder nicht. Zwischen dem Personal und den Asylsuchenden werden Blicke ausgetauscht, mal wohlwollend, mal misstrauisch, mal fragend, mal ausweichend. Der Film beleuchtet eine Realität, in der Kultur- und Statusunterschiede – auf der einen Seite die EntscheidungsträgerInnen, auf der anderen die BittstellerInnen - zum Alltag gehören.
DIE FESTUNG / LA FORTERESSE lässt uns direkt in dieses tägliche “Aussortieren von menschlichen Wesen” eintauchen. Erst nach langen Verhandlungen mit den Behörden wurden die Filmaufnahmen in dem ehemaligen, heute mit Stacheldraht eingezäunten Luxushotel genehmigt. Noch nie zuvor konnte hinter diesen Mauern gefilmt werden. Vor Ort und mit grossem Respekt hält die Kamera Bruchstücke der Einzelschicksale und das rege Miteinander fest, beides prägend für das Leben im Auffangzentrum. Mit einer fast schon fiktiven narrativen Dichte erzählt der Film vom Schmerz, von der Unsicherheit und der Freude dieser Menschen. Frei von jeder Voreingenommenheit und mit viel Feingefühl wird den ZuschauerInnen ein Konzentrat menschlicher Schicksale gezeigt. Unvermeidlich wirft der Film die Frage auf, welche Beziehungen wir als StaatsbürgerInnen, mehr aber noch als menschliche Wesen untereinander haben.
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TRAILER
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FESTIVALS / PREISE
62e LOCARNO FILM FESTIVAL
Léopard d’Or, compétition Cinéastes du Présent
PRIX EUROPA Berlin
Nomination Meilleur documentaire télévisé
2e FESTIVAL DE DOCUMENTAIRE "CINEMA VERITE" Téhéran
Grand Prix, compétition internationale
VIENNALE 2008 Vienna
Sélection officielle
49e FESTIVALE DEI POPOLI Florence
Prix du public et mention spéciale du jury, compétition internationale
5e FESTIVAL DE CINE EUROPEO Sevilla
Section compétitive Eurodoc
18e DAKINO INTERNATIONAL FILM FESTIVAL Bucarest
Section "Politique et cinéma"
11e RIDM Montreal
Grand Prix et mention spéciale du jury pour le montage, compétition internationale
46e FIC GIJON Espagne
Programme spécial "Llendes"
32e GÖTEBORG INTERNATIONAL FILM FESTIVAL Suède
Sélection officielle
PRIX DU CINÉMA SUISSE 2009 Lucerne
Nomination meilleur documentaire
CCCB Barcelone
Programme spécial
TAMPERE FILM FESTIVAL
Programme spécial "Whatta Helvetia? – States of Mind from the Land of the Alps"
ONE WORLD 09 Prague
Europe without Barriers
BAFICI Buenos Aires
Mention spéciale du jury, compétition Droits Humains
4e DOC A TUNIS
Programme "Migration et mouvance"
MOVIE THAT MATTER Amsterdam
Compétition internationale
7th HUMAN RIGHTS FILM FESTIVAL San Sebastian
Compétition internationale
DOKFILMWOCHE Hambourg
Programme international
FRONTDOC – RENCONTRES DOCUMENTAIRES
Programme international
FESTIVAL INTERNATIONAL DU FILM D’AMAZIGH Agadir
Programme international
PLANETE DOC REVIEW Varsovie
Compétition internationale
SEATTLE INTERNATIONAL FILM FESTIVAL
Compétition internationale
ISCHIA FILM FESTIVAL Italie
Sélection officielle "Scenari"
PERLES DU CINÉMA SUISSE Locarno
Nomination meilleur film suisse
NÜRNBERGER FILMFESTIVAL DER MENSCHRECHTE
Programme international
uvm.
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LINKS
Offizielle Website deutsch / französisch
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PRESSE
«EIN MEISTERWERK VON SELTENER MENSCHLICHKEIT.»
Thierry Jobin, Le Temps
«Dieser gleichzeitig interessante und bewegende Film hat mich sehr beeindruckt. Er zeigt die Realität, so wie sie ist, mit all den Dramen, die sich in der heutigen Welt im Leben so vieler Unschuldiger abspielen. Das ist kein Propagandafilm. Die Qualität der Umsetzung hat mich sehr überrascht.»
Bundesrätin Evelyn Widmer-Schlumpf über La Forteresse, aufgezeichnet von Jean-Louis Kuffer, 24 HEURES
«Melgar ist es in einem beispielhaften Balanceakt von Nähe und Distanz, Empathie und rationaler Erwägung gelungen, Menschen, die eine sichere Bleibe suchen, und jene, die sie betreuen und über sie befinden, in ihrem gespenstischen Transit-Alltag zu porträtieren, Geschichten im Beobachten zu erzählen. Man kann sich als Zuschauer nicht entziehen, bleibt aufgewühlt, alle Fragen sind offen und klingen nach. Mehr kann Kino nicht wollen, um brisante Politik zu veranschaulichen.»
Martin Walder, NZZ AM SONNTAG
«Das ist gerade die Stärke dieses Dokumentarfilms. Er giert nicht nach der Sensation, dem Skandal, den Newsbildern. Vielmehr zeigt Fernand Melgar den Alltag einer Institution, die Bürokratie eines Asylantenheims, gibt einen Querschnitt. Lautlos, sorgfältig – ein Stück Gegenwartsgeschichte.»
SF (KULTURPLATZ)
«Ein Film von grosser Humanität, der noch zu reden geben wird - und ein Lehrstück darüber, wie man den Blick nahe heranführt und dabei Distanz wahrt.»
NZZ
«Melgars Ziel war es, über das hochpolitische Thema der Schweizer Asylpolitik einen Film zu machen, der weder in rechte Hysterie noch in linke Idealisierung verfällt, sondern vorurteilslos die Realität zeigt und damit den Dialog ermöglicht. Das ist ihm eindrücklich gelungen.»
DER BUND
«La Forteresse ist ein notwendiger Film. Trotz den ernsten Äusserungen ist der Film von einer erfreulichen Genauigkeit und ein schlagender Beweis, dass eine klare Darstellung trotz persönlichem Engagement möglich ist. Der Film ist frei von jeglichem Dogmatismus. Aber das Beste daran ist, dass der Regisseur uns nicht sagt, was wir denken sollen, sondern uns was zum Nachdenken gibt.»
Thierry Meyer, 24 HEURES
«Schon oft wurden Dokumentarfilme zum Thema Asyl gedreht. Aber dieser Film ist eindeutig besser als alles, was in den letzten zwanzig Jahren in der Schweiz zu diesem Thema gesagt wurde. Weil er nicht die Frage stellt, ob die Gesetze zu restriktiv oder zu lasch, ob die Asylsuchenden “echt“ oder “falsch“ sind. Dieser Film zeigt einfach Szenen aus dem Leben, Alltagsaufnahmen. Er zeigt tragische, aber auch glückliche und ungewöhnliche Momente.»
Philippa de Roten, TSR 19:30
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DER REGISSEUR » FERNAND MELGAR
Wurde 1961 als Sohn von spanischen Gewerkschaftern geboren, die in Tanger, Marokko exiliert waren. 1963 reiste er mit seiner Mutter heimlich in die Schweiz ein, zu seinem Vater, der dort als Saisonnier arbeitete. Er unterbrach sein Handelsstudium Anfangs der Achtziger, um gemeinsam mit Freunden das alternative Kulturlokal Le Cabaret Orwell und später die international renommierte Konzertbühne La Dolce Vita zu gründen. Er programmierte dort Kunstvideos und bildete sich als Autodidakt zum unabhängigen Regisseur und Produzenten aus. Ab 1983 realisiert er Experimentalfilme und unkonventionelle Reportagen für das Fernsehen. 1985 stiess er zur Gemeinschaft Climage um dort rund zehn Dokumentarfilme zu drehen, die heute als Referenzwerke zu Immigrations- und Identitätsfragen gelten. Sein bisheriges Dokumentarfilm EXIT – DAS RECHT ZU STERBEN erhielt mehrere internationale Auszeichnungen, darunter auch den renommierten Golden Link Award für die beste europäische Koproduktion und den Schweizer Filmpreis 2006. Als Preisträger des 2007 von der Télévision Suisse Romande TSR lancierten Drehbuchwettbewerbs steckt er zurzeit in der Vorbereitung seines ersten Spielfilms, LOIN DERRIERE LA MONTAGNE. Er lebt und arbeitet in Lausanne.
Filmographie (sélection)
1993 Album de famille (doc)
1998 Classe d’acceuil (doc)
2000 Collection Premier Jour (doc cm)
2002 Remue-ménage (doc)
2005 La vallée de la jeunesse (doc cm)
Exit – das Recht zu sterben (doc)
2006 Limites invisibles (doc cm)
2008 La forteresse (doc)
WARUM EIN FILM?
"Das Abstimmungsergebnis vom 24. September 2006 war deutlich: die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung sagte Ja zur «LexBlocher» und verlangte somit eine Verschärfung des Asyl- und Ausländergesetzes. Am Fernsehen wurden die wichtigsten Änderungen zusammengefasst: abgewiesene Asylsuchende erhalten keine Sozialhilfe mehr, wer trotzdem bleibt, riskiert ab dem Alter von 15 Jahren bis zu zwei Jahren Haft. Oder auch: jede asylsuchende Person ohne Identitätspapiere wird innert 48 Stunden ausgewiesen; es sind Durchsuchungen ohne entsprechenden Befehl möglich, selbst in privaten Unterkünften; wer Asylsuchende beherbergt oder unterstützt, riskiert bis zu einem Jahr Gefängnis; kein automatischer «Ausweis C» (Niederlassungsbewilligung) mehr für Ausländer, die seit über zehn Jahren in der Schweiz wohnhaft sind; Einschränkungen zum Familiennachzug (obwohl dieser von der europäischen Konvention der Menschenrechte garantiert wird) und zur Heirat zwischen Schweizern und Ausländern.
Zugegeben, der Ausgang der Abstimmung kam nicht überraschend. Aber das Ausmass (68% Ja-Stimmen) und der landesweite Konsens haben mich zutiefst schockiert. Vor allem in einer Nation, wo jede fünfte Person ausländisch ist und die Anzahl der Asylgesuche so tief liegt wie seit 20 Jahren nicht mehr. Die populistische Rechte feierte ihren überragenden Sieg, nachdem sie im Verlauf einer fremdenfeindlichen Kampagne jeden erdenklichen Zwischenfall aufs Podest gehoben hatte und eine Angst vor allen nichteuropäischen Ausländern schürte; wobei auch Europa selbst von einem Teil der Bevölkerung nach wie vor mit Skepsis betrachtet wird. Der Tribun dieses Volks, Bundesrat Christoph Blocher, verkündete: «Die zahlreichen Probleme im Zusammenhang mit dem erhöhten Ausländeranteil in der Schweiz sind damit noch nicht gelöst. Es geht jetzt darum, die permanenten Verstösse gegen unsere kulturellen und sozialen Regeln sowie unsere christlichen und demokratischen Grundwerte durch integrationsunwillige Ausländer zu unterbinden.» Und er nannte die zukünftigen Pläne seiner Partei: Zwangsintegration, Einbürgerung auf Probe, Ausschaffung von ganzen Familien, wenn einziges Mitglied straffällig wird, die Einschränkung islamischer Praktiken, die erneute Infragestellung des Antirassismusgesetzes, da es die Redefreiheit behindere etc.
An diesem Abend hatte ich Bauchschmerzen. Ein Unwohlsein überfiel mich, und schmerzhafte Kindheitserinnerungen wurden wach. Es war in den frühen Siebzigern, an einem Sonntagabend, ich war zehn Jahre alt. Wir verfolgten aufmerksam die Tagesschau am Fernsehen. Damals lebten wir als spanische Immigrantenfamilie in einem Arbeiterquartier in Lausanne. Mein Vater war 1962 als Saisonnier eingereist. Er gehörte zu diesen billigen Arbeitskräften, die sich die Schweiz in der Nachkriegszeit aus dem Süden Europas beschaffte. Zehntausende Arbeiter wurden in dreckigen Baracken untergebracht. Sie mussten für Hungerlöhne Schwerstarbeit verrichten und waren abhängig von ihren Arbeitgebern, welche die Verträge verlängerten oder auch nicht, und von der Fremdenpolizei, die ihnen im Nacken sass.
Mein Vater litt unter der Trennung von seiner Familie. Eines Tages, ein Jahr nach seiner Ankunft, liess er uns illegal nachreisen. Meine Mutter fand schnell Arbeit, meine Schwester und ich waren tagsüber wie viele Saisonnierkinder in der Wohnung eingesperrt. Wenn an der Tür geklingelt wurde, versteckten wir uns unter dem Bett. Schliesslich normalisierte sich die Lage: meine Eltern erhielten eine Aufent-haltsbewilligung, und wir durften die Schule besuchen.
Auch an diesem Sonntag wurde abgestimmt. Die von Nationalrat James Schwarzenbach lancierte Initiative «gegen Überfremdung» wollte den Bevölkerungsanteil der immigrierten Arbeiterschaft senken. Im ganzen Land wurden hitzige Debatten geführt. Die Linke wehrte sich, aber auch die liberale Rechte bekämpfte dieses Projekt, weil sie es als wirtschaftlichen Suizid betrachtete: die Landwirtschaft, die Hotellerie und das Baugewerbe waren noch zu stark auf billige Arbeitskräfte angewiesen. Meine Eltern rechneten mit der Ausschaffung. Die Nachbarn hatten vor unserer Tür einen Koffer aus Karton deponiert. Auf dem Schulhof wurden wir von den Schweizer Kindern gehänselt: «Die Tschinggen und Spaniöggel können abfahren!»
Die Schwarzenbach-Initiative wurde knapp abgelehnt. Mein Vater meinte damals: «Eines Tages werden sie Ja sagen. Für uns gibt es keine Zukunft hier.» Diese Initiative hat bei einer ganzen Generation von Immigranten tiefe Wunden hinterlassen. Wie viele Betroffene lebten meine Eltern von diesem Moment an mit der Angst, vom einen Tag auf den anderen ausgewiesen zu werden. 1989, nachdem sie 27 Jahre in der Schweiz gelebt hatten, kehrten meine Eltern nach Spanien zurück. Meine Schwester und ich blieben hier.
Als meine Kinder zur Welt kamen, setzte ich ein ziemlich kompliziertes, dreijähriges Einbürgerungsverfahren in Gang. Mein Vater fühlte sich verraten, als ich ihm meinen Pass mit dem Schweizer Kreuz zeigte. Seine Reaktion kränkte mich, denn ich hatte den Grossteil meines Lebens in der Schweiz verbracht und hier meine Familie gegründet. Ich wollte ein «ganzer» Bürger sein, meinen Kindern Wurzeln bieten und endlich abstimmen dürfen.
Am Abend des 24. Septembers 2006 wurde mir klar, dass sich mein Vater nicht geirrt hatte: diesmal hatte das Schweizer Volk Ja gesagt. Ich empfand eine grosse Enttäuschung und schämte mich für meine Wahlheimat. Als frisch eingebürgerte Person erkannte ich mich in diesem Entscheid nicht wieder. Ich dachte daran, was meine Eltern durchgemacht hatten, und an den Ausländer, der ich selbst einmal war. An diesem Abend stand ich im Widerspruch mit mir selbst. Was bedeutet diese Ablehnungshaltung, die in diesem Land gepflegt wird? Sind die Schweizer ein fremdenfeindliches Volk? Oder ist diese Ablehnung eine Antwort auf ein mangelndes Vertrauen in die nationale Identität, ein zusammenschweissendes Element in einer Schweiz, die sich vom umliegenden Europa und vom Rest der Welt bedroht fühlt?
Als Erbe der Neutralität ist das Asylrecht ein Kernstück der humanitären Tradition der Schweiz. Dieses Land der Menschenrechte und der grossen humanitären Institutionen war in seiner langen Geschichte stets eine privilegierte Destination für Flüchtlinge, egal mit welcher Herkunft, Konfession oder politischen Gesinnung. Die Genfer Konvention ist die Basis dieser Asylpolitik. Sie funktioniert nach dem Prinzip, dass keine Person in ihre Heimat ausgewiesen werden darf, wenn dort ihr Leben oder ihre Freiheit gefährdet ist, oder wenn sie dort Folter oder erniedrigende Bestrafungen zu befürchten haben.
Dass nun aber die Schweizer Bevölkerung eines der strengsten Asylgesetze in Europa angenommen hat, scheint das Ende dieser langen humanitären Tradition einzuläuten. Dieses Gesetzt dient den europäischen Rechtsextremen als Referenz: Le Pen hat betont, dass «die neuen Schweizer Regeln in etwa der Sache entsprechen, die sich der Front National für Frankreich wünscht», und die österreichische Rechtsextreme hat sie in ihrer Wahlkampagne angeführt. Es macht den Anschein, dass wir uns von einer humanitären Arche Noah wieder hin zu den düsteren Stunden des letzten Weltkriegs bewegen, als Bundesrat Eduard Von Steiger das Abweisen von Juden an den Grenzen mit den folgenden Worten begründete: «Das Boot ist voll».
In der Revision des Asylgesetzes wie auch im neuen Ausländergesetz werden Migranten in erster Linie als Bedrohung wahrgenommen, als Unruhestifter und Profiteure, vor denen man sich zu hüten habe. Man zieht Barrikaden auf, entweder indem man jegliche Form von Einwanderung unterbindet, die nicht aus der Europäischen Union stammt (betroffen sind also 95% der Weltbevölkerung!), oder indem man das Gewähren von Asyl quasi einem Wunder gleichsetzt. Und schafft es ein Ausländer tatsächlich, mit welchem Status auch immer, die Grenzen zu überschreiten, so wird er dennoch weiterhin als Bürger zweiter Kategorie behandelt.
Ich möchte verstehen, woher in diesem Land die Angst vor dem Fremden kommt, warum wir unsere Türen verschliessen und dieses einstige Asylland in eine uneinnehmbare Festung verwandeln. Für dieses Projekt beschloss ich, meinen Blick auf einen strategisch wichtigen Ort zu richten: ein Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ). Denn hier, in dieser Eingangsschleuse für Flüchtlinge, nimmt das Schicksal der Asylbewerbenden seinen Lauf. Hier wird sortiert, hier fallen Entscheidungen. Nach zwei Gesprächen bestimmen Bundesbeamte über das Leben des Asylbewerbers: er darf bleiben, oder er muss gehen. Von den fünf Schweizer EVZ habe ich dasjenige für die Westschweiz ausgewählt, das sich in Vallorbe befindet, einer Kleinstadt mit 3'000 Einwohnern im waadtländischen Jura."