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CHARLES MORT OU VIF
1969 / EAN 7640126560007 / FSK 14
Regie: Alain Tanner
Drehbuch: Alain Tanner
Kamera: Renato Berta
Ton: Paul Girard
Schnitt: Sylvia Bachmann
Musik: Jacques Olivier
Produktion: Alain Tanner, Groupe Cinq
Mit: François Simon, Marcel Robert, Marie-Claire Dufour, André Schmidt, Maya Simon, Michèle Martel
Charles Dé, ein fünfzigjähriger Fabrikant, erkennt anlässlich eines Fernsehinterviews plötzlich, dass sein bisheriges Leben auf Selbsttäuschungen beruhte. Er verlässt Familie und Kapital, und findet Unterschlupf bei den jungen Alternativen Paul und Adeline, mit denen er philosophische Gespräche führt, bis sein Sohn in aufspürt und in eine psychiatrische Klinik einweisen lässt.
Alain Tanners erster Spielfilm CHARLES, MORT OU VIF ausgezeichnet mit dem ‹Grand Prix› am Festival von Locarno im Jahr 1969, ist ein Film-Manifest, das – gemeinsam mit Filmen wie LA LUNE AVEC LES DENTS und HASCHICH von Michel Soutter – der Schweiz Ende der 60er Jahre internationale Anerkennung in der Filmwelt verschaffte. Die Filmkritik bezeichnete die damals aufkommende Welle interessanterweise als ‹Neues Schweizer Kino› – wobei der ‹alte› Schweizer Film bis dahin sogar unter Filmkennern so gut wie unbekannt gewesen war. Bis heute hat dieser erste Film nichts von seinem Schwung eingebüsst, Qualitäten, die durch die aussergewöhnliche Persönlichkeit und Präsenz François Simons und die herausragende Kameraführung von Renato Berta unterstrichen wurden. Das Thema zu seinem Film findet Tanner in den Ereignissen des Mai 68 in Paris, über die er für das Schweizer Fernsehen berichtet. Beeindruckter als von den ideologischen Abhandlungen der jungen Demonstranten ist der damals fast 40 Jahre alte Cineast, der lautstarkem Aktivismus misstraut, von den an ihrer Seite demonstrierenden älteren Personen. Der Film porträtiert einen älteren Fabrikanten, der den gutbürgerlichen Komfort aufgibt, um sich an der Seite eines Bohemien-Paares zurückzuziehen. Bei ihnen entdeckt er wieder Lebenslust und Gedankenfreiheit. Mireille Amiel bemerkt in Cinéma 70: CHARLES, MORT OU VIF, den der Autor selbst als seine kleine historische Freske bezeichnet, wiederspiegelt das, was der politische Film in unserer entwickelten westlichen Welt hervorzubringen vermag». Dem kann ein Urteil von Jean-Louis Borys aus dem ‹Nouvel Observateur› hinzugefügt werden: «Es ist der intelligenteste Film, den der Geist von 68 hervorgebracht hat»."
Frédéric Bas, Swissfilms
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DANS LA VILLE BLANCHE
1983 / EAN 7640126560014 / FSK 14
Regie: Alain Tanner
Drehbuch: Alain Tanner
Kamera: Acacio de Almeida
Ton: Jean-Paul Mugel
Schnitt: Laurent Uhler
Musik: Jean-Luc Barbier
Produktion: Alain Tanner, Paolo Branco
Mit: Bruno Ganz, Teresa Madruga, Francisco Baiao, Victor Costa, Julia Vonderlinn
Ein Schweizer Schiffstechniker kehrt nach einem Landurlaub in Lissabon nicht wieder an Bord zurück. Er beschliesst, in seinem Leben innezuhalten, eine Leere in seinem Kopf zu schaffen. Diese füllt sich mit Impressionen der Stadt und der leidenschaftlichen Zuneigung zur jungen Kellnerin Rosa. Der Film ist eine spontan erzählte Aussteigergeschichte. Doch Tanner schafft es mit einer sinnlichen filmischen Umsetzung und wohltuender Zurückhaltung, von einer Extremsituation zu erzählen. ohne dabei der verlockenden Exotik zu verfallen.
DANS LA VILLE BLANCHE markiert einen Wendepunkt in Alain Tanners Filmographie. Er knüpft am Publikumserfolg an, der seit JONAS QUI AURA 25 ANS… ausgeblieben war, und markiert darüber hinaus einen ästhetischen Bruch in seinem Filmschaffen. Waren Flucht und Sehnsucht nach Einsamkeit bisher typische Tanner-Themen, so wurden sie doch stets auf einem der linken Ideologie zugehörigen und aus Dialogen und spielerischen Phantasmen gewobenen Fundament entwickelt, in einem von den Protagonisten bewohnten Paradies der Worte und der Possen. Ganz anders in diesem Film. Er beeindruckt durch Schweigen, schlichte Poesie und dunkle Schwermütigkeit. Der Schweizer Cineast erinnert sich an seine Jugend in der Handelsmarine und zeichnet das Porträt eines Schiffstechnikers (herausragender Bruno Ganz), der alles aufgibt, um mit Leib und Seele in Lissabon aufzugehen. Zu Beginn des Filmes weist Ganz ein Bar-Mädchen darauf hin, dass die Bar-Uhr nicht die richtige Zeit anzeigt. Darauf antwortet sie: «Die Uhr geht richtig. Die Welt geht falsch.» Der Mann erlebt die städtische Einsamkeit im Zeichen dieser Unordnung. Mit seiner Super-8-Kamera fängt er Fragmente der Wirklichkeit ein, die er seiner Frau schickt. Ziellos durch die Stadt streifend scheint er darauf zu warten, von der Wirklichkeit eingeholt und zu einem Teil von ihr zu werden. Mit DANS LA VILLE BLANCHE bestätigt Tanner seine Bedeutung als grosser Regisseur. Schliesslich lösen sich die Grenzen auf, die Gefühlswelt des Protagonisten und die Stadtlandschaft gehen allmählich ineinander über. Denn der grösste Traum eines Seemanns ist es, mit der Stadt zu verschmelzen.
Frédéric Bas, Swissfilms
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FLEUR DE SANG
2002 / EAN 7640126562315 / FSK 16
Regie: Alain Tanner, Myriam Mézières
Drehbuch: Myriam Mézières
Kamera: Denis Jutzeler
Ton: Christian Monheim
Schnitt: Monica Goux
Produktion: Filmograph
Mit: Myriam Mézières, Louise Szpindel, Tess Barthes, Bruno Todeschini
Pam, eine Kindfrau von 14 Jahren, hat eben ihren ersten Liebhaber getötet, der viel älter war als sie. Diese Nachricht versetzt uns fünf Jahre zurück. Damals war die kaum neunjährige Pam die Ankleidedame und Beschützerin ihrer Mutter Lily. Sie begleitete sie zu den zahllosen Cabaret-Bühnen, auf denen Lily eine ganz spezielle Nummer präsentierte, welche die banale Welt der Erotik in eine eigentliche künstlerische Darbietung verwandelte.
"Schon der Titel deutet darauf hin, dass Fleurs de sang ganz der körperlichen und sinnlichen Dimension von Tanners Werk zuzuordnen ist, die Une flamme dans mon coeur oder Le journal de Lady M. durch Myriam Mézières verliehen wird. Das Drehbuch hat Mézières auf der Grundlage autobiografischer Erinnerungen in Koproduktion mit Tanner realisiert. Wieder geht es um das Porträt einer Frau und wieder scheint darin die Freiheit eine Persönlichkeit jenseits jeder Norm zu sein. Zwar erlaubt die über fünf Jahre reichende Filmhandlung, die Entwicklung einer schmerzlichen Mutter-Tochter-Beziehung zu verfolgen, doch Tanners Absicht liegt in der Zusammenfassung dieses Zeitraumes und nicht in einer hypothetischen psychologischen Chronologie. Die Beziehung wird als Ganzes erfasst, dessen Risse verfolgt werden, ohne dass ihr Ausgangspunkt genauer bezeichnet würde. So beginnt der Film auf zwei verschiedenen Zeitebenen. Einmal die der Mutter und der Tochter gemeinsam in der gleichen Bohême, dann jene, in der beide durch die Gesellschaft voneinander getrennt sind, wobei jede mit den eigenen Entscheidungen und Irrungen konfrontiert ist. Die Funktion des Schnittes ist nicht so sehr Antwort auf ein vorhersehbares «Was wird aus ihnen?» zu geben, das eine Einleitung zu der banalen Diskussion der Frage wäre «Wie kann eine Tochter ohne ihre Mutter leben?» (und umgekehrt), sondern die Metamorphosen von ein und dem gleichen Körper aufzuzeigen: Die doppelte Identität – die Mutter-Tochter-Identität – drückt der Film durch das gesellschaftliche Paar aus, dessen Hochs und Tiefs wie jene einer einzigen weiblichen Figur mit zwei Gesichtern gezeigt werden. Die Schönheit des Films beruht auf einer ständigen Fusion beider Figuren, dem ständigen Rollenspiel, das schliesslich an der Mutter-Tochter-Grenze die verstörenden Konturen von inzestuösem Band und Identitätstransfer zeichnet."
Frédéric Bas
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FOURBI
1996 / EAN 7640105232956 / FSK 14
Regie: Alain Tanner
Drehbuch: Bernard Comment, Alain Tanner
Kamera: Denis Jutzeler
Schnitt: Monica Goux
Musik: Michel Wintsch
Mit: Karine Viard, Jean-Quentin Châtelain, Cécile Tanner, Antoine Basler
WIth: Robert Bouvier
Vor kurzem wurde in der Schweiz eine grosse, private Fernsehanstalt gegründet. Eine Produktionsfirma wird mit der Programmgestaltung beauftragt und erwirbt die Rechte für die Verfilmung von Verbrechenstaten von den Opfern. Rosemonde hat ihre Geschichte verkauft. Vor acht Jahren tötete sie einen Mann, der versucht hatte sie zu vergewaltigen. Das Verfahren wurde mangels Zeugen eingestellt. Paul, ein junger Schriftsteller, wird von Kevin, einem Produzenten, beauftragt, das Szenario zu Rosemondes Geschichte zu schreiben. Ihr gelingt es jedoch nicht, ihre Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, und sie verschliesst sich Pauls Fragen, die er wohl oder übel stellen muss. Daraufhin wird Marie, eine junge Schauspielerin, damit beauftragt. Ihr wird eine Rolle im Film versprochen, falls es ihr gelingt, Rosemonde zum Reden zu bringen. Der Film beschreibt die sonderbare Beziehung der beiden Frauen und die allmählich entstehende Freundschaft…
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LE JOURNAL DE LADY M.
1993 / EAN 7640126562322 / FSK 18
Regie: Alain Tanner
Drehbuch: Myriam Mézières
Kamera: Denis Jutzeler
Ton: Henri Maïkoff
Schnitt: Monica Goux
Produktion: Filmograph, CAB Productions
Mit: Myriam Mézières, Juanjo Puigcorbé, Félicité Wouassi
Lady M. gibt alles auf, um einem Mann, Diego, zu folgen, der sie auf eine Reise ohne Ziel mitnimmt. Die Reise beginnt in Barcelona, wo er wohnt. Unterwegs erfährt sie, dass er mit einer Farbigen verheiratet ist und ein Kind hat. M. kann die darauffolgende Trennung nicht ertragen und lädt schliesslich den Mann, seine Frau und ihr Kind ein, das Leben mit ihr in Paris zu teilen. In dieser verrückten und schwierigen Situation nähert sich M. allmählich der Frau Diegos. Daraufhin verlässt Diego die beiden Frauen, die sich später ebenfalls trennen werden, so dass M. wieder allein ist.
"LE JOURNAL DE LADY M. ist ein freier Film, der sich von allen vorgegebenen Regeln befreit hat. Ausgenommen vielleicht denen eines Spiels, das sich in dem Masse verändert, wie das Verlangen an Raum beansprucht. Worum es dabei geht, liegt im Bereich von Risiko, Gefährdung, Gewalt, an der Grenze zu ihr oder jenseits von ihr. Die Person, durch die sich die Erzählung ereignet, ist zugleich die selbe, durch die sie dem Verderben entgegengeht. Ihr Name ist Myriam Mézières. Sie tritt als Lady M., der Geliebten, der Nachtclubsängerin, der Bauchtänzerin, der verliebten Frau auf. Sie hat einen Komplizen, der sie betrachtet – Alain Tanner. (…) Er filmt die Geschichte, als führe er ein Bordbuch. Er filmt das Tagebuch des Tagebuchs, er bewahrt Abstand, um seine Darstellerin-Drehbuchautorin- Heldin zu fotografieren, und er hält durch. Die Leichtigkeit seiner Regie gibt ihm die absolute Freiheit, den Protagonisten nach den eigenen Vorstellungen zu folgen – er wird dabei unterstützt durch ein leichtes Equipment und ein kleines Drehteam.»
Thierry Jousse, Cahiers du cinéma
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MESSIDOR
1979 / EAN 7640126560182 / FSK 14
Regie: Alain Tanner
Drehbuch: Alain Tanner
Kamera: Renato Berta
Ton: Pierre Gamey
Schnitt: Brigitte Sousselier
Musik: Arié Dzierlatka
Mit: Clémentine Amouroux, Catherine Tétorté
Zwei Mädchen, die sich zufällig kennengelernt haben, verreisen ohne Ziel, und ohne jemanden davon in Kenntnis zu setzen. Per Autostop durchqueren sie eine abweisend feindliche Schweiz; doch sie setzen ihre Reise fort, nachdem ihnen das Geld ausgegangen ist. Die Begegnung mit engstirnigen Bürgern macht sie zu Aussenseiterinnen und so wissen sie sich am Ende, in ihrer verzweifelten Verwirrtheit, nur noch mit Gewalt zu helfen. MESSIDOR ist zugleich Traum und Alptraum, Parabel und Beschreibung eines «fait divers». In Tanners befremdlichen «Road Movie» sind die Schweizer Landschaften tot.
Das ursprünglich Maurice Pialat übertragene Projekt MESSIDOR, basiert auf einer Begebenheit, die in Frankreich in den 70er Jahren Schlagzeilen machte: Zwei weggelaufene jugendliche Mädchen geraten auf kriminelle Abwege, die sie in den Tod führen. Auf den ersten Blick scheint das Thema weit von Tanners Welt entfernt, erfordert doch eine solch gewalttätige Geschichte vor gesellschaftskritischem Hintergrund formalen Realismus, ja sogar Naturalismus, die der Cineast seit jeher ablehnt. Zudem widerstrebt ihm instinktiv das Filmen physischer Gewalt. «Das Töten einer Person», sagt er, «ist in den meisten Fällen ein sinnloser special effect». In Tanners Filmographie ist MESSIDOR der einzige Film, in dem eine Person auf nicht natürliche Weise stirbt. Es ist auch sein düsterstes Werk, das von einer Hoffnungslosigkeit geprägt ist, die nicht durch den gewohnten Humor in Sprache und Situationen aufgefangen wird. Tanner hatte das Projekt nur unter der Bedingung akzeptiert, das Originaldrehbuch überarbeiten und die gewälttätige Geschichte auf eine persönlichere Ebene bringen zu können. Die Grenzen der Freiheit (bereits Thema des vorangegangenen Films) werden auf die kopflose Flucht der Mädchen im Schweizer Raum bezogen. Der Film zeigt, wie dieser stets zu ruhige Raum dadurch, dass er zum Experimentierfeld und zur Spielwiese der zwei Figuren wird, plötzlich selbst vom Strudel erfasst und beschmutzt werden kann. Viele verziehen Tanner jene Szene nicht, in der eines der beiden Mädchen seine Notdurft in der Natur verrichtet, nachdem es mit ihrer Partnerin Zärtlichkeiten ausgetauscht hat. Im Verlauf des Films wendet sich die idyllische Schweizer Landschaft – Täler, Kühe und Berge – in ihr Gegenteil um. Bleischwer liegt der Mantel der Polizeiüberwachung darüber, deckt alles zu und erstickt Triebe und Gefühle. MESSIDOR ist der erste Film, in dem Tanner innerlich von der Schweiz Abstand nimmt.
Frédéric Bas, Swissfilms
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REQUIEM
1998 / EAN 7640126560045 / FSK 14
Regie: Alain Tanner
Drehbuch: Alain Tanner, Bernard Comment, Antonio Tabucchi
Kamera: Hugues Ryffel
Schnitt: Monica Goux
Musik: Michel Wintsch
Produktion: CAB Productions
Mit: Francis Frappat, André Marcon, Alexandre Zloto, Cécile Tanner, Raul Solnado
An einem sommerlich heissen Sonntag trifft sich der Erzähler Paul um zwölf Uhr mittags mit einem Gast, der in Wahrheit der Geist des grossen portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa ist. Es folgen seltsame Begegnungen von Menschen aus dem Lissabon von heute mit Schatten aus einer wiederbelebten Vergangenheit; eine merkwürdige Vermischung findet statt. Tote treffen mit Lebenden zusammen, der Begriff Zeit löst sich auf.
"Die Geschichte ereignet sich am letzten Sonntag im Juli zwischen zwölf Uhr mittags und zwölf Uhr Mitternacht in Lissabon. Es scheint, als wäre jener Sonntag der heisseste Tag des Jahres gewesen. Er war vor allem ein besonderer, der Halluzinationen und erstaunlichste Begegnungen begünstigende. Die Zeit hat sich unter dem Einfluss der schweren Hitze aufgelöst. Vergangenheit und Gegenwart sind eins geworden. Die Lebenden und die Toten begegnen einander und rechnen miteinander ab. Aus dem Blickwinkel des Poeten Fernando Pessoa führen die Personen der Gegenwart und die Geister der Vergangenheit im menschenleeren Lissabon, irgendwo zwischen Traum und Realität, Dialoge, die leicht und schwer zugleich sind, und befreien sich von der Last der Schuldgefühle. Zwischen Mittag und Mitternacht, am letzten Sonntag im Juli… «In REQUIEM erhält die klassische Tannersche Grenze eine ausschliesslich zeitliche und nach innen gekehrte Dimension. Keiner der ausnahmslos symbolischen Charaktere in dieser portugiesischen Stadt kann Traum und Realität unterscheiden und die einzige Trennlinie, die sich mit einer gewissen Deutlichkeit abzeichnet, ist diejenige zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dieses Lissabon, Stadt der Seele (und nicht des Unterbewussten, weil, wie ein Billetverkäufer der Lotterie betont «wir nichts mit Mitteleuropa zu tun haben, wir haben Seele»), und doch auch letztes Refugium, Endstation, Land, das sich ins Jenseits erstreckt im Namen des antiken ‹finis terrae›, Ende der Welt, das unausweichlich in seiner DNA verankert bleibt.»"
Paola Malanga, Filmmaker
"Pauls schwerer Spaziergang bietet viele Ein- und Übergänge zwischen dem Realen, Manifesten und der Transzendenz des zeitlichen Jenseits, welches von den übrigen Hauptpersonen und den Dialogen angezeigt wird. Aus seiner erwähnten ungebrochenen Präsenz in der realen Lissabonner Umgebung ergeben sich aber auch Irritationen: Viele minime Bewegungen des Hauptdarstellers Francis Frappat und viele Dialogmomente lassen sich nur mit gutem Willen nahtlos als Teil des fiktionalen Zeitraums lesen. Sie schnüren den Film auf dem naturalistischen Sprungbrett fest, statt das physisch Gegebene zum Halluzinativen hin zu öffnen."
Ruedi Widmer, CINEMA
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LA SALAMANDRE
1971 / EAN 3346030015742 / FSK 14
Regie: Alain Tanner
Drehbuch: John Berger, Alain Tanner
Kamera: Renato Berta
Ton: Marcel Sommerer
Schnitt: Marc Blavet, Brigitte Sousselier
Musik: Patrick Moraz, Main Horse Airline Group
Produktion: Alain Tanner
Mit: Jean-Luc Bideau, Bulle Ogier, Jacques Denis, Mista Préchac
Rosemonde, la Salamandre, ist eine junge Frau, die sich mit unqualifizierten Jobs über Wasser hält. Sie wird verdächtigt, auf ihren Onkel, bei dem sie wohnt, einen Mordversuch ausgeübt zu haben. Ein Journalist und ein Schriftsteller werden gebeten, ein Drehbuch über diesen Fall zu schreiben. Das wird ihnen nicht gelingen, denn die Wahrheit Rosemondes und ihre Lust zu leben entziehen sich den Untersuchungen der beiden Männer.
"LA SALAMANDRE brachte Alain Tanner Bekanntheit und den ersten grossen Publikumserfolg. Der 1971 in Cannes in der Sektion ‹Quinzaine des réalisateurs› vorgestellte Film setzte mit seinem beissenden Ton international ein Zeichen für den neuen Schweizer Film und seinen emblematischen Vertreter. Das Drehbuch geht auf die Erfahrungen des Cineasten als Reporter für das Schweizer Fernsehen 1965–1968 zurück. LA SALAMANDRE beginnt mit einer Folge geheimnisvoller Bilder, wie sie das Fernsehen heute besonders liebt: Ein Mann säubert sein Gewehr, ein Schuss löst sich. Das Gesicht einer Frau erscheint. Was ist geschehen? Die mysteriöse Eröffnung dient als Aufhänger. Ihr folgt ein metaphorisches Szenario: Ein Journalist und ein Schriftsteller nehmen die Spur auf und wollen die Wahrheit über die Frau herausfinden. Jeder bedient sich seiner Waffen – dokumentarischer Investigation der eine, grenzenloser Phantasie der andere. Allmählich wird deutlich, dass beide Ansätze vergeblich sind. Die Begegnung mit dem Objekt, Rosemonde, macht die bemühte Wahrheitsfindung zunichte. Wo eben noch Kälte herrschte, entwickelt sich nun ein Trio freier und kritischer Personen. Seine Schönheit verdankt der Film seiner Aussagekraft, die nie demonstrativ oder plakativ ist. Die Wirklichkeit ist stärker als jeder Versuch, sie zu erfassen – ein programmatischer Satz, der für den gesamten modernen Film seit Citizen Kane steht, als dessen Schweizer Replik La Salamandre betrachtet werden kann. Rosemonde, gespielt von Bulle Ogier, ist die definitive Inkarnation des Freiheitsbegriffes nach 1968."
Frédéric Bas, Swissfilms
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